Epoche und Kontext
Wann, wo und unter welchen Bedingungen das Drama entstand.
Goethe arbeitete an Faust über sechzig Jahre — vom „Urfaust" um 1772/75 (Sturm und Drang) bis zur Veröffentlichung 1808 (Weimarer Klassik) und schließlich Faust II (1832, posthum). Faust I trägt deshalb beide Epochen in sich: die jugendliche Wucht der Gretchen-Tragödie und die abgeklärte Ordnung der Weimarer Klassik im Prolog. Diese Doppelnatur erklärt, warum das Werk so reich und widersprüchlich wirkt.
Der historische Hintergrund ist der Frankfurter Kindsmord-Prozess gegen Susanna Margaretha Brandt: Die junge Magd ertränkte ihr Kind und wurde 1772 öffentlich enthauptet. Goethe, damals Rechtspraktikant, war an dem Verfahren beteiligt — die Erfahrung wurde zum Kern der Gretchen-Handlung. Auch der historische Doktor Faustus (16. Jahrhundert), Volksbücher und Marlowes Drama liefern die Rahmenfigur, doch die seelische Tiefe ist Goethes eigene Erfindung.
Faust I wurde 1808 gedruckt und 1829 in Braunschweig uraufgeführt. Es gilt als Hauptwerk der deutschen Literatur und als Schlüsseltext der „Weimarer Klassik" — auch wenn es viele Stilebenen mischt. Im Abitur ist Faust I seit Jahrzehnten Pflichttext: kein anderes Werk fasst das deutsche Selbstbild zwischen Aufklärung, Sturm und Drang und Klassik so dicht zusammen.
Nächster Schritt
Drei Lesarten — und die Schuldfrage
Klassisch, sozialgeschichtlich, religiös — und das Schuld-Ometer als Diskussionsfundament.
